Manuel Grassler

Why Play?

Einblick: Lego Serious Play Workshop | Manuel Grassler - LEGO Serious Play Facilitator & Experte für Veränderungsprozesse

Digitalisierung, Innovation, New Work, Agilität – Die Businesswelt wird derzeit geflutet mit Schlagworten wie diesen. Hört sich erstmal nicht gerade nach spielen an – oder? Ganz im Gegenteil, findet Manuel Grassler.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Spielen in Unternehmen zu integrieren?

Spielen ist seit jeher fixer Bestandteil meines Lebens: Ob Brettspiele, Rollenspiele, Tabletop- oder Strategiespiele – mich juckt’s quasi immer in den Fingern. Aber unabhängig davon, ob man genauso ein Nerd ist wie ich, oder nicht – Spielen liegt einfach in unserer Natur. Es ist der natürlichste Weg, sich die Welt anzueignen, ihr Sinn zu geben und sie zu gestalten. Das sehe ich allein schon bei meiner Tochter: Der muss man das Spielen nicht beibringen, sie kennt diesen Begriff gar nicht. Sie ist neugierig, träumt, kombiniert, scheitert häufig, ist kreativ und erforscht unterschiedliche Dinge…

Also alles Dinge, die wir auch aus dem Arbeitsalltag kennen.

Ganz genau! Gerade in strategischen Themen oder wenn es um Innovationsprozesse geht, tun wir in der Arbeit nichts anderes, als zu spielen. Ich glaube, dass all diesen aktuellen Business-Themen wie Digitalisierung, Innovation, New Work und Agilität ein sehr spielerischer Zugang zugrunde liegt. In ihrem Kern steckt immer etwas Iteratives: Wir wollen etwas Neues ausprobieren, in einen Flow kommen und dabei herausfinden, was eigentlich funktioniert und was nicht. Spielen hat auch immer sehr viel mit dem Thema Achtsamkeit zu tun – ein ebenfalls derzeit sehr stark forciertes Thema in Unternehmen: Wenn du spielst, agierst du immer im Moment. Du kannst nicht gestern spielen, nicht morgen spielen, sondern nur hier und jetzt.

Gerade in strategischen Themen oder wenn es um Innovationsprozesse geht, tun wir in der Arbeit nichts anderes, als zu spielen.

Foto von Stoppuhr beim Lego Bauen | Manuel Grassler - LEGO Serious Play Facilitator & Experte für Veränderungsprozesse

Und du leitest nun Unternehmen und Teams an, wie sie diesen spielerischen Zugang wieder für sich entdecken können?

Richtig. Wobei man hier auch wieder ganz klar zwischen Play und Gamification differenzieren muss.

Gami-was?!

Gamification ist quasi das Anwenden von Spielmechaniken auf Nicht-Spielkontexte. Ziel ist es, unlustige Tätigkeiten aufzuhübschen, während die Tätigkeit an sich aber weiterhin doof bleibt. Ein klassisches Beispiel wäre das Punktesammeln in Supermärkten. Das Problem dabei ist der manipulative Hintergedanke. Die Menschen sind sich nicht bewusst, dass alltägliche Tätigkeiten durch diese Anreizsysteme sozusagen spielifziert werden. Anders verhält es sich beim Play: Hier gehen wir bewusst in ein spielerisches Setting. Allen Beteiligten ist klar, dass wir jetzt spielen. Es geht dabei um Lernen und dieses Lernen dann in die Realität zu transferieren.

Das hört sich jetzt aber doch wieder irgendwie nach Arbeit an – kann man Spielen denn überhaupt planen?

Gute Frage. Ich sag’ mal so: Spielen per se ist ja purposeless. Also nicht sinnlos, sondern viel mehr zwecklos. Denn wir spielen ja um des Spielen Willens. Der proto-indo-europäische Begriff „dlegh“ beschreibt das auch ganz gut: Es bedeutet so viel wie „to engage oneself“, also sich auf etwas einlassen, sich für etwas begeistern. Im Prinzip ist alles, was wir aus purer Freude heraus tun, eine Art von Spielen. Wir tun es einfach der Sache wegen und nicht, weil wir dafür bezahlt oder belohnt werden. Angetrieben von dieser intrinsischen Motivation gehen wir auch ganz anders an eine Sache heran und tun Dinge einfach, ohne zu wissen, wo uns diese hinführen. Erst in dem Moment, wo wir ein konkretes Ziel vorgesetzt bekommen, wendet sich das Blatt: Unser Handlungsspielraum wird schlagartig verkleinert und der spielerische Antrieb geht verloren.

Im Workshop erwecken wir Gedanken zum Leben: Wir können Dinge verschieben, von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten, auf neue Weisen zusammenfügen und sie nach Belieben umarrangieren.

Die Kunst liegt also darin, Spielen zwar zu planen, aber das Ziel dabei nicht vorwegzunehmen?

Korrekt. In meinen Workshops behandeln wir immer ergebnisoffene Themen. Wir wissen zwar, dass wir zum Beispiel an einem Innovationsprozess arbeiten, aber wie dieser letztendlich aussieht, ist zu Beginn völlig irrelevant. Natürlich setze ich auch Erfolgsfaktoren fest, anhand derer sich evaluieren lässt, ob ein Prozess erfolgreich war oder nicht. Das Ziel selbst definiere ich jedoch nicht. Ich mache einfach den Raum auf, biete eine Struktur, die passende Atmosphäre und die notwendigen Tools. Also alle Rahmenbedingungen, die ein gemeinsames Experimentieren und Ideen finden ermöglichen.

Service Design Thinking Methoden Flatlay | Manuel Grassler LEGO Serious Play Facilitator & Experte für Veränderungsprozesse

Was uns wieder zu unserer Ausgangsfrage zurückführt: Why Play? Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen und Teams durch Spielen nun konkret?

Das beginnt damit, dass die TeilnehmerInnen viel offener sind: Hierarchien werden aufgebrochen und es eröffnet sich ein geschützter Rahmen, an dem man auch mal Fehler machen kann. Hinzu kommt die Möglichkeit, viel tiefer in die Materie einsteigen zu können. Das Schöne am Spielen ist, dass sich in kürzester Zeit die verschiedensten Optionen und Szenarien durchspielen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und zwar nicht nur mental, im Sinne von „Was wäre, wenn…?“. Nein, im Workshop erwecken wir Gedanken zum Leben: Wir können Dinge verschieben, von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten, auf neue Weisen zusammenfügen und sie nach Belieben umarrangieren. Der Output ist nicht etwas, das erst in der Zukunft entsteht, sondern er befindet sich direkt bei uns auf dem Tisch. All das macht den Prozess spürbar lebendiger, begreifbarer. Dadurch sind auch die TeilnehmerInnen viel mehr bei der Sache, da sie selbst aktiv sind und nicht einfach nur auf ihren Sesseln sitzen und brav nicken. Stattdessen können sie sich selbst einbringen und sich ausdrücken. Nicht zuletzt erhöht sich im Spiel auch die Veränderungsbereitschaft der MitarbeiterInnen – aber das ist bereits wieder ein Kapitel für sich…